Nenne nicht das Schicksal grausam,
Nenne seinen Schluß nicht Neid!
Sein Gesetz ist ew'ge Wahrheit,
Seine Güte Götterklarheit,
Seine Macht Notwendigkeit.
Blick umher, o Freund, und siehe
Sorgsam, wie der Weise sieht!
Was vergehen muß, vergehet;
Was bestehen kann, bestehet;
Was geschehen will, geschieht.
Johann Gottfried von Herder
Wie oft sind wir mit dem Schicksal anderer verbunden ohne sie zu kennen, ohne eine Ahnung voneinander zu haben?
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Die Frau schaute ihrem Mann fasziniert und leicht angewidert zu wie er an der Hähnchenkeule, die er in der Hand hielt mit Genuss kleine Stücke Fleisch mit den Zähnen abriss. Sie würde seine Tischmanieren nie verstehen. Schon gar nicht billigen! Am meisten ärgerte sie, dass kaum hatte er den letzte Bissen herunter geschluckt, er aufsprang und das Haus grußlos verließ um in seine Firma zu eilen. Zu Hause – damit war immer noch ihr Elternhaus gemeint - wartete man selbstverständlich mit dem Beginn der Mahlzeit bis alle am Tisch Platz genommen hatten. Auf dem Dammasttischtuch lag zu jedem Gang das passende Besteck und zu jedem Getränk standen die passenden Gläser, selbstverständlich in der richtigen Reihenfolge angeordnet. Geflügel wurde von den Bediensteten am Tisch tranchiert u. mundgerecht auf den Teller gelegt. Nach dem Mokka, der stets eine Mahlzeit beendete, erhob man sich ohne Eile, wünschte einen angenehmen Nachmittag und jeder ging seinen Beschäftigungen und Geschäften nach.
In dem Haus in dem sie nun mit ihrem Mann lebte war es ihr gelungen wenigstens ein paar Grundregeln einzuführen, das was sie aus ihrer Sozialisation als Kultur bezeichnete. Sie achtete auf einen korrekt gedeckten Tisch sowie auf eine gewisse Reihenfolge der Speisen und erbat sich von ihrem Mann, er möge doch gewisse Anstands- insbesondere Tischregeln einhalten. Nach längeren Verhandlungen konnte sie ihm sogar abringen eine Frau u. einen Mann zu engagieren die man, mit Abstrichen, als Bedienstete bezeichnen konnte.
Zwar war der Mann ihr gegenüber nie knauserig, jedoch war in seiner Welt und Vorstellung Personal für die Pflege der Villa und des Grundstücks eine unwirtschaftliche Ausgabe. Dazu gab es Dienstleistungsfirmen die solche Leistungen anboten. Seine Prinzipien waren die der Ökonomie, privat als auch geschäftlich.
Der Mann hatte mit Fleiß, Intelligenz u. Glück ein I T Unternehmen aufgebaut das schon in wenigen Jahren nicht mehr als mittelständisch zu bezeichnen war und das ihm seine erste Million einbrachte. Seine Biografie entsprach nicht dem gängigen Klischee vom Emporkömmling der sich aus armen Verhältnissen hoch gearbeitet hatte. Seine Eltern waren das, was man in den Achtzigern als gut bürgerlich bezeichnete, mit gehobenem Einkommen, Häuschen am Stadtrand und sie hatten für ihn und seinen Werdegang auf eine gewisse, an der Oberfläche dümpelnde Allgemeinbildung gesorgt. Er musste sich sogar einige Jahre an den Tasten eines Klaviers abarbeiten, nach damals gängigen Vorstellungen gehörte das zur Allgemeinbildung. Wie so manchem Kind vergraulte es auch ihm die Freude an der Musik, weshalb ihn die Frau niemals dazu bewegen konnte mit ihr in die Oper oder in ein Konzert zu gehen. Wodurch sie im Laufe der Zeit mehr und mehr den Anschluss an ihre gesellschaftlichen Kreise verlor.
Ein wenig entschädigte sie die alte Jugendstilvilla die der Mann ihr gekauft hatte. Das Objekt bezeichnete er als Schnäppchen auf dem allerdings, sehr zum Leidwesen der Frau, noch die vom Einsturz bedrohte Ruine eines Fabrikgebäudes stand. Die Ruine mit weit verzweigten Kellerräumen sah eher einem Bunker ähnlich dessen Abriss sie täglich halb bittend, halb nörgelnd anmahnte. Ein Geschäftsfreund hatte dem Mann zugesagt dafür unter der Hand Flüchtlinge zu vermitteln. Das war preiswert und vielfache Praxis. Es waren unruhige Zeiten. In der Welt herrschten Armut u. Krieg, so kamen immer mehr Flüchtlinge u. Menschen ins Land die dort ein besseres Leben suchten. Nicht alle durften bleiben. Manche sollten zurück in ihre Ursprungsländer. Um sich dem zu entziehen, tauchten manche in der Illegalität unter u. versteckten sich irgendwo, waren deshalb froh hin u. wieder etwas Geld bei solchen illegalen Unternehmungen verdienen zu können.
Die Frau schlenderte über das Grundstück u. ärgerte sich wie immer über die Ruine. Tagträumend sah sie in ihrer Vorstellung wie die Bulldozer kamen, die Ruine platt walzten u. endlich der von ihr ersehnte Park entstehen würde. In Gedanken versunken betrat sie den verhassten Schandfleck. Während sie sich darin umsah, gelang es ihr sogar sich vorzustellen wie hier einmal Dinge produziert worden waren. In dieser merkwürdigen Stimmung ging sie immer weiter, die noch gut erhaltenen Kellerstufen hinunter, wunderte sich im Unterbewussten über deren Sauberkeit, als ihr Rauch u. der Duft von Essen in die Nase stiegen. Unvermittelt im Halbdunkel waren da plötzlich Menschen. Zuerst wollte sie schreiend weg laufen, doch ihre Neugier war stärker als der Fluchtwille. Fasziniert stand sie wortlos da. Ein Kind lief auf sie zu, blieb vor ihr stehen und starrte sie neugierig an. In dieser Sekunde entwickelte sich ihr Schicksal u. das dieser unbekannten Menschen zu einem gemeinsamen Horrorszenario. Furchtbares Donnern u. Bersten erschütterte das Fabrikgebäude. Der ganze obere Teil des Gebäudes krachte mit einem Schlag in den Keller, grub sich an einigen Stellen mit ungebremster Wucht metertief ins Erdreich hinein. Hie und da sackten Trümmerteile nach, was noch einige Minuten lang Knirschgeräusche verursachte. Dann Totenstille!
Als der Mann nach Hause kam, die eingestürzte Ruine sah, freute er sich. Denn so wie es aussah würde er das Geld für die Abrissbirne sparen. Nun musste nur noch der Bulldozer kommen um alles zu planieren. Gut gelaunt betrat er sein Haus, rief schon von weitem den Namen der Frau um ihr fröhlich mitzuteilen, dass der Schandfleck eingestürzt sei und sie nun bald ihren Park bekommen würde.