Die Frau würde man nach dem heutigen, von der Kosmetikindustrie genormten Schönheitsideal nicht als schön bezeichnen. Von mittlerem Wuchs, mit einem leichten Ansatz zur rundlichen Fülle, wurde sie dennoch überall wo sie hin kam, als Dame u. Persönlichkeit mit einer besonderen Ausstrahlung wahrgenommen. Ihr wacher, ruhiger Blick, meist begleitet von einem unausgesprochenen Lächeln, gab ihr den Anschein einer distinguierten Überlegenheit. Man konnte, wenn sie sprach oder etwas erzählte, den Blick nicht von ihren Handbewegungen lassen, die schwingend, fast tänzerisch das Gesprochene unterstrichen.

Obwohl Besitzerin eines kleinen Autos, liebte sie es in dieser großen Stadt mit U- und S-bahn unterwegs zu sein, denn die Vielfalt der Menschen die man dort traf und die aus aller Welt in diese Stadt strömten faszinierte sie. Sie kamen entweder als Touristen oder um sich hier nieder zu lassen und zu bleiben. Es kam vor, dass sie um ein Haar vergessen hätte an der Haltestelle auszusteigen, so intensiv war sie in die Betrachtungen dieser Menschen versunken.

Es war an einem dieser ganz normal grauen Großstadt Wochentage. Nicht Montag, wo man mit wehmütigen Gedanken ans vergangene Wochenende dachte. Auch kein Freitag wo man nach Hause fährt, mit Erleichterung u. Vorfreude ans kommende Wochenende denkend. Es war ein normaler Dienstag. Ja! Dienstag!

Sie saß entspannt in der Bahn versunken, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehend die Menschen zu beobachten, als ein laut schreiender, mit einem Messer herumfuchtelnder Mann herein stürmte. Zum Glück war es ziemlich leer, so daß alle vor der Messerklinge ausweichen konnten. Das Fuchteln und Schreien wurde immer wilder. Noch war niemand verletzt, als die ersten Mutigen sich auf den Mann stürzen wollten um ihn unschädlich zu machen, mussten aber aufgeben weil sie seinem Messer gefährlich zu nahe kamen. Angstgeschrei, Kreischen, Wutgeschrei gemischt mit Beruhigungsversuchen u. den Rufen nach der Polizei schallten durch den Waggon. Die Geräuschkulisse war fast so beängstigend wie der Messerangreifer selbst.

Mitten in diesem Tohuwabohu saß die Frau still u. ruhig auf ihrem Platz, als sei nichts geschehen. Plötzlich, die ganze Situation war noch keine zwei Minuten alt, als das Gehirn der Frau Kapriolen schlug u. ihr ein altes Kinderlied einfiel das sie früher in der alten Heimat mit ihren Eltern gesungen hatte, wenn sie Angst vor den Herbststürmen hatte die mit Blitz und Donner am Häuschen rüttelten. Text u. Melodie, die sie vergessen glaubte, waren wieder glasklar im Gedächtnis abrufbar. Leise fing sie an zu singen, was zunächst im Lärm unterging. Ihr schöner Sopran steigerte sich von Ton zu Ton, wurde lauter und lauter! Mit einer Kraft und Klarheit der Stimme, die sie nie an sich je erlebt hatte übertönte sie den Tumult. Ungläubiges Erstaunen ringsum. Es wurde allgemein leiser. Sie sang und sang fast ohne Atem zu holen immer weiter. Der Attentäter ließ vor Überraschung das Messer sinken. Man entwand es ihm und hielt ihn fest. Irgendwer steckte das Messer in eine Einkaufstasche. Denn die Illusion, dass, wenn man etwas nicht mehr sieht es auch nicht mehr vorhanden ist, kennt man nicht nur von kleinen Kindern die sie sich in Angstsituationen die Augen zu halten, sondern auch Erwachsenen blenden unsichtbare Gefahren gerne aus. Als die Frau ihr Lied geendet hatte, klatschten einige Beifall, wohl auch um sich selber nach dem Schrecken etwas Mut zu machen.

Der Zug hielt! Draußen wurde der Mann schon von der Polizei erwartet. Die Frau stieg aus, jemand drückte ihr eine Einkaufstasche in die Hand, ansonsten kümmerte sich niemand mehr um sie. Ruhig ging sie zum Ausgang. Ging wie gewohnt den Weg nach Hause. Nach einiger Zeit löste sich ihre innere Erstarrung. Da erst wurde sie die fremde Tasche in ihrer Hand gewahr. Verwundert schaute sie hinein. Da lag das schreckliche Messer. Mit einem Impuls schleuderte ihr Arm die Tasche im hohen Bogen in den Fluss. Jemand ging an ihr vorbei u. murmelte etwas von Umweltverschmutzung.

Zu Hause angekommen fand wie gewöhnliche das Ritual des Nachhausekommens statt. Hallo! Schuhe ausziehen. Mantel in die Garderobe. Sie ging in die Küche. Das Essen stand schon auf dem Tisch.